Silicon Valley Study Week 2019 | Philipp Wieting Wernetz Architektur

Silicon Valley Study Week 2019

Artikel - Silicon Valley Study Week 2019

Im Rahmen der auf die Baubranche zukommenden Veränderungen, welche durch die Digitalisierung teilweise bereits Einzug gehalten haben, organisierten die beiden Fachhochschulen HSLU und FHNW eine Study Week im Silicon Valley. 25 Entscheidungsträger aus unterschiedlichsten Bereichen der Branche nahmen an der Woche teil. Dabei wurden zu den Haupt-Themen „Zusammenarbeit“, „Technologie“ und „Prozesse“ Besichtigungen und Workshops durchgeführt.

 

Was kommt nach BIM? - Bauen und Planen der Zukunft

Mit der Inspiration aus dem Silicon Valley soll der Change-Prozess begleitet und unterstützt werden. Unter dem Motto „don‘t imitate - innovate“ werden wir versuchen, die bestehenden Werte der Schweizer Baukultur zu erhalten und gleichzeitig einen dynamischen Innovationsprozess einzuleiten.

BIM (Building Information Modeling) wird in der Digitalisierung der Bauindustrie ein wichtiger Teil bleiben. Aber genauso wie BIM ein Werkzeug ist, werden neue dazukommen. Mich persönlich hat die Reise bekräftigt, sich neben Prozessen und optimierten Zusammenarbeitsformen auch weiterhin mit den technologischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen und diese für die Architektur zu nutzen.

 

Generatives Design hilft, ersetzt aber nicht Kreativität

Der Besuch bei NVIDIA in Santa Clara hat gezeigt wie leistungsstark die Computertechnologie bereits ist und wir haben gelernt, dass dies erst der Anfang ist. Die Rechnerkapazität ist im hyperdigitalen Zeitalter kein Thema mehr. Die Frage wird sein wie der Mensch im Zentrum bleiben kann. Oder auf die Architektur bezogen: Wie kann das Emotionale weiterhin unsere Umwelt beleben? Funktionale Aspekte der Planung wird bald der Computer übernehmen und lösen können. Unsere Baukultur aber basiert auch auf emotionalen Raumerlebnissen. Wie gelingt es uns diese Werte im Zusammenspiel mit künstlicher Intelligenz (KI) und Machine Learning (MA) hoch zu halten. KI wird bereits in vielen Branchen erfolgreich eingesetzt, z.B. in der Landwirtschaft oder Medizin. Auch in der Architektur verspricht man sich vom generativen Design vieles:

• Generieren und erkunden von mehr Designalternativen, die bessere, funktionalere Endlösungen ergeben.

• Verbessern der Qualität, der Dokumentation, der Budgetkontrolle und der Konstruierbarkeit.

• Automatisieren von Routineaufgaben

Generatives Design hilft in der Herstellung von dreidimensionalen Objekten, die effizienteste Form zu finden und es hilft, Ressourcen zu schonen. Im Gegensatz zu generativer Gestaltung, wie es sie in der Kunst gibt, verfolgt generatives Design ganz konkrete, an wirtschaftlichen Zielen ausgerichtete Absichten. [1] Nun liegt die Architektur aber irgendwo dazwischen. Und es ist nichts neues, dass z.B. Nachhaltigkeitskriterien einfacher zu messen sind als Ästhetische. Natürlich hilft ein gut gestalteter Laden dem Umsatz, nur gibt es viele andere Kriterien, welche den Umsatz ebenso beeinflussen und so bleibt der Einfluss der Gestaltung schwierig zu bestimmen.

Unsere ersten Erfahrungen mit dem Thema haben gezeigt, dass innerhalb des Formfindungs- und Auswahlprozesses entscheidende Fähigkeiten des Gestalters gefragt bleiben. Fähigkeiten, die der Computer auf breiter Basis aller Voraussicht nach nicht so schnell wird übernehmen können, nämlich eine Strategie zu entwickeln ausgehend von Empathie, Intuition und des ästhetischen Farb- und Formempfindens. Design, egal in welcher Disziplin, orientiert sich immer an den Bedürfnissen des Menschen. Deshalb wird es trotz fortschreitender Automatisierung weiterhin Gestalter geben, die diese Bedürfnisse erkennen und die in der Lage sind, eine Auswahl unter Berücksichtigung multisensorischer Faktoren zu treffen. Wie soll sich eine Oberfläche anfühlen? Wie riecht ein Material? Wie klingt ein Boden beim Betreten? Welchen Eindruck hinterlässt ein Entwurf unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten? Es muss durch den Menschen entschieden werden, wer überhaupt angesprochen werden soll. Dies entscheidet darüber wie Haptik, Optik, und Akustik wirken sollen oder wie der Geruchs- und Geschmacksinn angesprochen werden.

Die Arbeitsteilung zwischen Mensch und Computer wird sich für diejenigen Architekten, die bereits heute die vorhanden Werkzeuge intensiv nutzen nicht radikal verändern. Bereits heute geben wir dem Bauherrn möglichst viele Varianten mit auf seine architektonische Entdeckungsreise – nur sind unsere Kapazitäten natürlich beschränkt und wir müssen deshalb gezielte, intuitive Vorauswahlen treffen. Hier kann sich in Zukunft eine Verschiebung ergeben, indem mit dem Computer auf einer fundierteren Basis mit dem Entwurf gestartet werden kann. Mensch und Computer können im Wechselspiel gemeinsam Objekte entwerfen, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen.

Einen Zusatznutzen sehen wir auch in der besseren Legitimierung eines architektonischen Entwurfes. Die Automation erhöht die durchgespielten Varianten. Somit wird der Entwurf durch Algorithmen besser abgestützt und diese helfen so ein architektonisches Konzept besser zu begründen.

Repetitive Aufgaben werden in Zukunft noch stärker automatisiert werden, so dass sich der menschliche Input auf die kreativen Aspekte fokussieren kann. Dies bedeutet, dass sich auch die Fachplaner vermehrt auf konzeptionelle Aspekte konzentrieren müssen. Die Leitungskoordination wird ein Computer bald besser machen als der Mensch. Aber auch hier wird die entscheidende Frage sein, ob es dann diese Leitung überhaupt braucht, oder ob andere, bessere Systeme verbaut werden können, welche der Computer noch nicht kennt.

BIM wird in der Digitalisierung der Bauindustrie ein wichtiger Teil bleiben. Genauso wichtig wie die ganze Gestaltung der dazugehörenden Prozesse. Visualisierung und Virtual Reality werden bei uns im Büro ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Entdeckungsreise bleiben, genauso wie die integrierte Information. Die Automation, das Lernen aus zusätzlichen Modellen, aber auch aus dem Gebauten, wird aber zunehmen.

Werknetz Architektur zählt sich zu den Künstlern unter den Architekten, bei denen BIM und VDC klar als Hilfsmittel für die Architektur genutzt werden. Daran messen wir welche Tools wir einsetzen wollen und welche nicht im Vordergrund stehen. Die Strategische Fokussierung hilft uns die richtigen Werkzeuge zu finden. Die Vorträge von Herman Gyr und Martin Fischer haben mir bestätigt, wie wichtig die strategische Fokussierung ist. Das Feld ist zu gross um alles abdecken zu können. Das generative Design sehen wir als gute Ergänzung zu unserem bisherigen Wirken. Deshalb werden wir genauso wie vor Jahren bei BIM die Entwicklung des generativen Designs aktiv mitgestalten und konzentrieren uns auf die Frage, was Künstliche Intelligenz und Machine Learning der Architektur bringen kann.

 

 

[1] Generatives Design – Co-Kreation dank künstlicher Intelligenz, 16. Juli 2018 von Achim Schaffrinna